Dienstag, 10. November 2009

Da beiß ich mir lieber ein Stück von der Zunge ab...

Über Menschen, die immer das letzte Wort haben müssen.

Es gibt Menschen, die immer das letzte Wort haben müssen. Wie anstrengend. Ich bin so ein Mensch. Sagt meine Freundin Jules. Ich bin mir nicht sicher, ob sie recht hat. Kann sein, dass ich gelegentlich ganz gerne das letzte Wort habe. Aber immer? Totaler Quatsch. "Siehst du?", sagte Jules, "du machst es schon wieder!" "Was?" "Du willst schon wieder das letzte Wort haben." Wir haben also einen Konflikt ausgetragen. Kommt ja in den besten Freundschaften vor. Ich sagte: "Nein, muss ich gar nicht". Sie: "Siehst du?" Ich: "Was sehe ich?" Sie: "Dass du schon wieder das letzte Wort haben musst." Ich: "Du spinnst ja." Sie: "Das ist ja schon zwanghaft." Ich: "So ein Käse."

Reine Provokation

Wir saßen im Auto. Auf dem Weg in ein Restaurant. Da wurde es mir zu blöd. Ich beschloss, Größe zu zeigen und nachzugeben, schon weil ich mir nicht das Essen versauen wollte: "Okay, ich will schon sehr gerne das letzte Wort haben." Hier hätte man das Gespräch gut beenden können. Aber Jules hat es mir nicht gegönnt. "Ich finde", sagte sie und lenkte den Wagen sehr gewissenhaft in eine Parklücke, "du hast das sehr schön gemacht." Ich schwieg. Und überließ es ihr, das letzte Wort. Ich biss mir dabei ein ordentliches Stück von der Zunge ab und schluckte es herunter. "Du machst so ein seltsames Gesicht." "Hmm", sagte ich, weil mir der Rest der Zunge weh tat. "Hast du was?", fragte sie. Das war doch reine Provokation.

Wie ein klebriges Hubba Bubba

In Wahrheit, stellte ich nun fest, sei sie doch diejenige, die es nicht aushalte, wenn ich das letzte Wort habe. Ich sei aber bereit, es ihr heute zu überlassen. Aus Freundschaft. Sie solle nur ja aufpassen und ihr letztes Wort auf keinen Fall mit "Ja, aber . . ." einleiten. Darauf reagiere ich nämlich allergisch.
Ich hatte mal einen Freund, nicht sehr lange, er studierte damals Jura, und der hat einfach alles, was er sagte, mit "Ja, aber. . ." eingeleitet. Ganz egal, wovon ich vorher gesprochen hatte. Sogar bei unserer Trennung setzte er zu einem "Ja, aber. . ." an, das sich wie ein klebriges Hubba Bubba aus seinem Mund zog.
Jules grinste. Sie erzählte mir, dass sie einmal gelesen habe, dass das Aggressionszentrum im Gehirn gleich neben dem Hungerzentrum liege, und dass wir schon deshalb ganz schnell ins Restaurant gehen sollten. Und dass wir das letzte Wort auch gemeinsam an zählen könnten. Jetzt. Das taten wir dann auch: "Eins, zwei, drei - essen."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen